Das erste große Treffen

Wenn ich ein Konzert in Wien hatte, wusste ich, dass meine Freundin Ola mit einem Strauß Blumen kommen würde. So war es auch am 15.5 in der Stadthalle Wien. Nach dem Konzert sprachen wir darüber, welch wunderbare Rolle die Musik in unserer  Kindheit gespielt hat. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auf die Idee, ein Musikprojekt für Kinder auf die Beine zu stellen. Alles, was wir zwei an diesem Abend hatten, war eine Idee und geteilte Leidenschaft für die Musik, das Tanzen und die Kunst. Während ich sofort an alle möglichen Herausforderungen bzw. Probleme dachte, war Ola gleich Feuer und Flamme. Ola - meine mutige, sorglose und inspirierende Freundin, mit der man die verrücktesten Ideen und Gedanken teilen und wie sich später herausstellte auch umsetzen konnte. So kam 2018 ein erster interkultureller Musiksommer zustande, bei dem wir innerhalb weniger Wochen mehr als 30 Anmeldungen von Kindern hatten. Im Haus meiner Eltern,  mit 700 Euro Förderung und viel Begeisterung stellten wir ein kleines aber intensives Projekt auf die Beine - mehr dazu gibt's im Video (https://www.youtube.com/watch?v=V8_brTjbSyI&t=16s)

 

Nur ein Jahr später begannen wir an einem strahlend schönen Samstag unser erstes Großgruppentreffen für unser Vorhaben - ein interkultureller Musiksommer 2019. 

Es war wunderbar zu sehen, wie viele von meinen Freund*innen und Bekannten sich für diese Idee begeistern konnten. Was mit einer Idee von zwei Personen vor einem Jahr begann, entwickelte sich zu einem Projekt mit 18 Teammitglieder*innen. Während der kurzen Vorstellungs- und Wunschrunde konnte jede*r sagen, was man gerne bei dem Projekt machen würde und wofür man verantwortlich sein möchte.

Schon nach wenigen Minuten war klar, dass die Liebe zu Musik und Kindern uns alle vereint. Denn „Musik unterrichten, Konzert spielen sowie "uf Kinder ufpassa“  zählte eindeutig zu den beliebtesten Aufgaben, während sich nur wenige für Sponsorensuche, Vereinsfunktionen und die organisatorischen Tasks begeistern konnten.

Nichtsdestotrotz boten sich mehrere Student*innen an, diese etwas ungenießbareren, aber dennoch wichtigen Aufgaben zu übernehmen.

 


Anschließend begaben wir uns in verschiedene Arbeitsgruppen:
 

  • Sponsoring
  • Presseaussendung
  • detailliertes Planning für den Musiksommer und eure Projekte Antrag fertigstellen
  • Benefizkonzert im Saumarkt
  • englische  Übersetzung des Anmeldeformulars
  • Musikauswahl, Lieder singen 

Nach drei äußerst produktiven Stunden in der  Arbeitsgruppe, trafen wir uns in einer Abschlussrunde und sangen dann noch gemeinsam ein paar Lieder.

Als wir uns nach dem fünfstündigen Treffen auf den Heimweg machten, erzählte mir ein Teamitglied an der Bushaltestelle ein Erlebnis ihres Nachmittags.

Sie berichtete mir, dass sie in ihrer AG Musikauswahl u.a das Lied „Wozu sind Kriege da?“ von Udo Lindenberg gesungen haben.

Das Lied wurde am 5.10.1981 veröffentlicht und der Liedtext fragt aus der Perspektive eines Kindes nach der Notwendigkeit von Kriegen. Ein Lied, das bestimmt ganz „süß“ ist, wenn die Kinder es singen, doch in der Gruppe entstanden schnell Uneinigkeiten, ob man das Lied in die engere Auswahl aufnehmen sollte.  

Jemand merkte an, dass das Singen von Liedzeilen wie "Keine Mutter will ihre Kinder verlieren und keine Frau ihren Mann - Also warum müssen Soldaten losmarschieren - Um Menschen zu ermorden - mach mir das mal klar - wozu sind Kriege da?" , für manche Kinder möglicherweise traumatisierend sein könnte. Die Diskussion endete, als eine Teamkollegin, die nur wenige Tage nach dem Irakkrieg auf die Welt kam, mitteilte, dass sie das Lied eher nicht auswählen würde. So beschloss die Gruppe einstimmig, dass sie das Lied nicht in die engere Auswahl nehmen würden. 

 

Eine andere Kollegin erzählte mir auch, dass sie einen achtsamen Sprachgebrauch unglaublich wichtig finde, besonders nachdem sie im Gespräch mithörte, wie mein Opa eine Teamkollegin fragte, ob sie 2015 auch  auf dem Mittelmeer “mit dabei gewesen sei”. Nach diesen Erzählungen, beschloss ich mit meiner Freundin an der Bushaltestelle, dass wir uns beim nächsten Treffen nicht nur mit der Sprache als Machtinstrument, sondern auch mit der Frage „Wozu denn Kriege da sind?“, die Udo in seinem Lied in den Raum wirft, zu  beschäftigen. Ich finde es wichtig, sich nicht nur pädagogisches Wissen anzueignen, sondern sich im Rahmen solcher Projekte auch mit Sprache und Gewalt zu befassen, sowie mit der politischen Ökonomie des Krieges, sozialer Ungleichheit und den Interessen des globalen Kapitals. So schreibt Udo Lindenberg in seinem Lied: "Habt ihr alle Milliarden Menschen überall auf der Welt gefragt, ob sie das so wollen  oder geht's da auch um Geld?". Auch wenn manch eine*r sich in Zeiten in denen sich alles zuzuspitzen scheint nach objektiven Projekten oder einer neutralen Pädagogik sehnt, ist es wichtig, sich immer in Erinnerung zu rufen, dass selbst die “apolitischsten Projekte” politisch sind. So schreibt Rosa Luxemburg sehr treffend: "Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken."


Diese Gespräche und Erlebnisse, bei denen wir uns kritisch mit uns und unserer Umwelt auseinandersetzen können, machen die Projektplanung so spannend. Bei solchen außerschulischen Orten der Bildung können wir die Kraft entwickeln, kritisch zu begreifen, auf welche Weise wir in der Welt existieren, in der wir uns selbst vorfinden.

Wir lernen die Welt nicht als statistische Wirklichkeit, sondern als eine Wirklichkeit im Prozess zu sehen, in der Umwandlung (Freire 2007).

Ich freue mich Teil dieses Projektes zu sein, umgeben von wunderbaren Menschen, die mit mir die Liebe zum Musizieren, Beisammensein und Diskutieren teilen. Wir möchten uns bei allen Unterstützer*innen bedanken, die uns diese Lernerfahrung ermöglichen. Im Rahmen solcher Projekte können wir uns selbst reflektieren, die Wirklichkeit kritisch hinterfragen, Thematiken wie z.B den Sprachgebrauch problematisieren und gemeinsam Fragen aufwerfen (Freire 2007). Und vor allem gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. 

 

Literaturnachweis:
Freire, Paulo. 2007. Unterdrückung und Befreiung. Schreiner, Peter/Mette, Norbert/Oesselmann, Dirk et.al. (Hg.) Waxmann Verlag: Münster

ICH FREUE MICH DARAUF, MIT EUCH NOCH VIELE WEITERE FRAGEN AUFZUWERFEN, zu DISKUTIEREN UND GEMEINSAM ZU LERNEN und ich lade unsere community dazu ein, daran teilzunehmen.


Schreibt mal eure lieblingslieder in die kommentare  :-)

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Kommentare: 2
  • #1

    Tabea (Mittwoch, 01 Mai 2019 12:26)

    Eines meiner Lieblingslieder ist von Violeta Para Volver a los 17
    ☺️ https://www.youtube.com/watch?v=Oe1o13CItv4

  • #2

    Sofia (Mittwoch, 08 Mai 2019 19:27)

    Follow the sun von Xavier Rudd ist auch wunderschön. :-))

Weltklänge

Am 19.6.2019 findet das Benefizkonzert im Saumarkt statt.

Der Musiksommer 2019 wird vom 26.8 - 30.8.2019 in Alberschwende stattfinden. Am 30.8.2019 gibt es ein Abschlusskonzert in Mesmers Stall Alberschwende.

 Dieses Projekt wird von der EU gefördert.

ORt

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